Der Lohn der Schönheit
Liebe Leserinnen und Leser,
Manchmal findet man etwas, bei dem man kurz schlucken muss.
Ich war in meinem Schuppen auf der Suche nach ein paar Kleinteilen für mein Fahrrad. Nichts Besonderes. Ein bisschen herumkramen, Kästchen öffnen, Dinge finden, von denen man gar nicht mehr wusste, dass man sie noch hatte. Und plötzlich lag sie da: die DVD der Dokumentation, die 1998 über Vater Karel gemacht wurde: Narcis, het loon van schoonheid. Allein dieser Titel schon. Ein Leben zwischen den Blumen kann man kaum schöner zusammenfassen. Wir zogen damals alle gemeinsam zur Premiere dieses Films beim Nederlands Film Festival 1998. Mein eigener Vater auf der großen Leinwand.

Die DVD, die ich wiedergefunden habe
Mein Vater, Karel van der Veek, war nämlich nicht einfach nur ein Züchter. Das begreift man erst, wenn man älter wird. Als Kind denkt man vor allem, dass jeder Tausende von Narzissen hat, täglich durch den Schlamm läuft und sich Gedanken über die Form eines kleinen Trompetchens oder die Farbe eines Kronblatts macht. Erst später merkt man, dass die meisten Menschen überhaupt nicht stundenlang eine Narzisse betrachten, als wäre sie ein Kunstwerk. Vater Karel schon. Und wir Kinder haben das wahrscheinlich ganz unbemerkt mitbekommen.

Vater Karel in seinem Narzissengarten

Bruder Carlos. Genau so!
Denn bei uns zu Hause, hier in Burgervlotbrug, ging es nie nur um Handel. Natürlich musste auch Geld verdient werden, aber am Ende drehte sich alles um Schönheit. Um Staunen. Um die Suche nach dieser einen vollkommenen Blume, bei der das Herz einen kleinen Sprung macht. Das klingt vielleicht ein wenig romantisch für einen Blumenzwiebelzüchter aus dem Noordkop, aber so war er wirklich.
Der Filmemacher Kees Hin hat das offenbar auch gesehen. Er drehte 1998 einen Film über meinen Vater und seine Narzissensammlung in Burgervlotbrug. Mehr als zweitausend Narzissensorten standen dort damals. Alle von Hand gepflegt. Kein groß angelegtes kommerzielles Spektakel, sondern vor allem Liebesarbeit. Mönchsarbeit. Und genau das sieht man dem Film an. Keine schnelle Musik. Keine flackernden Bilder mit aufpeitschenden Stimmen. Einfach Blumen. Wind. Licht. Schlamm. Ein Mann, der zwischen seinen Narzissen umhergeht, als würde er zwischen alten Freunden spazieren.
Eigentlich war es schon etwas Besonderes, dass jemand dachte: Darüber müssen wir einen Film machen. Was ich an diesem Titel, der Lohn der Schönheit, so schön finde, ist, dass darin auch etwas Doppeltes steckt. Denn Schönheit zahlt sich nicht immer in Geld aus. Manchmal ganz im Gegenteil.
Menschen, die Blumen oder andere Gewächse kultivieren, wissen das besser als jeder andere. Man steckt irgendwo Tausende von Stunden Zeit und Liebe hinein, während die Natur sich davon herzlich wenig anzieht. Hagel, Regen, Viren, Wind, Nachtfrost… die Natur ist wunderschön, aber auch gnadenlos.
Und trotzdem fangen wir, und viele von Ihnen genauso, jede Saison wieder von vorne an. Warum? Weil eine schöne Blume im Garten etwas mit uns macht. Weil eine Narzisse in der Morgensonne einen schlicht und einfach glücklich machen kann. Weil Schönheit offenbar doch eine Art Lohn ist. Vielleicht sogar der schönste Lohn, den es gibt.

Auch unsere Kinder wachsen wieder zwischen denselben Narzissen auf
Ich merke, dass wir bei Fluwel immer noch darauf aufbauen. Nicht nur in der Gärtnerei, sondern auch im Land van Fluwel, im Pflückgarten, im Schaugarten und eigentlich in allem, was wir uns ausdenken. Am Ende versuchen wir einfach, den Menschen für einen Moment dieses Gefühl mitzugeben, das mein Vater früher zwischen seinen Narzissen empfand.
Einen Moment innehalten.
Einen Moment schauen.
Einen Moment genießen von schönen Blumen.
Enjoy Life.
Noch kurz zum Film: Hier wird die Dokumentation beschrieben: www.filmfestival.nl/film/narcis-het-loon-van-schoonheid Den Film selbst kann ich online leider nicht so schnell finden. Sobald ich ihn wiedergefunden habe, lasse ich es Sie wissen, für die Liebhaber.
Mit freundlichen Grüßen,
Sigge
Fluwel



