Philosophie im Wein
Liebe Leserinnen und Leser,
Sie reden nicht groß darüber, aber die großen Denker und Philosophen auf unserem Erdball wissen ausnahmslos, dass in einem Glas Wein mehr Philosophie steckt als in allen Büchern zusammen. Immer wieder haben sie die Antworten auf komplizierte Fragen am Boden einer Weinflasche gefunden. Passt doch, oder? Der Geist in der Flasche erweitert schließlich den Geist.

Was mich an der Flasche am meisten fasziniert, ist ihre Außenseite: das Etikett. Nicht, dass ich vom Inhalt überhaupt nichts wissen will. Was in der Flasche steckt, ist im richtigen Moment ebenfalls sehr willkommen, aber manchmal kann mich schon das Etikett in höhere Sphären versetzen. Die Texter verstehen es oft, mit viel Fantasie in Worte zu fassen, was sich über einen Wein alles sagen lässt, ob wahr oder nicht. Wirklich gekonnt, Hut ab. Warum macht man das nicht auch mit Blumenzwiebeln?

Vielleicht finden wir, dass Blumenzwiebeln das nicht nötig haben, weil sie immer von einem Foto begleitet werden, das sie von ihrer schönsten Seite zeigt. Während ich das schreibe, muss ich an einen weisen Mann denken, einen unserer ersten amerikanischen Kunden. Am Anfang meiner Fotografenlaufbahn erklärte er mir, dass Worte, wenn sie gut gewählt sind, viel mehr bewirken können als selbst das perfekteste Foto. Beschreiben Sie, ohne ein Foto zu zeigen, eine Blume mit einer Farbe, als wäre der Himmel auf die Erde gefallen. Schreiben Sie, ihre Farbe sei das schönste himmlische Blau, das Sie nur im schönsten Augenblick Ihres Lebens erleben werden... Jeder, der das liest, stellt sich genau den Blauton vor, der für ihn der schönste ist, und träumt gleich noch etwas Schönes dazu. Der gute Mann, der seit Kurzem nicht mehr unter uns ist, hat mich vor langer Zeit darauf gebracht. Wir hatten gerade mit dem Blumenzwiebelhandel begonnen, gut dreißig Jahre ist das her, aber ich erinnere mich daran wie gestern. Der Mann selbst hatte einen florierenden Versandhandel für Blumenzwiebeln, den wir beliefern durften, und er konnte wirklich meisterhaft schreiben. Als er mit dem Verkauf von Blumenzwiebeln begann, waren Fotos, wenn es sie überhaupt gab, noch schwarzweiß. Die Menschen mussten mit Worten überzeugt werden, und das konnte er wie kein Zweiter. Wenn er über eine Blume oder einen schönen Garten schrieb, war es, als liefe man neben ihm her. Man fantasierte sich den ganzen Garten zusammen, und beinahe meinte man, die Blumen riechen zu können. Jedes Mal, wenn ich wieder einen wirklich guten Text lese, oft auf einer Weinflasche, denke ich an den guten Mann zurück. Seine Worte sind für mich bis heute von großem Wert.

Leider kann ich die Texte heute nicht allzu sehr romantisieren oder mich zu weit von der Wirklichkeit entfernen, denn heutzutage steht neben dem Text immer ein Foto.

Was ich von dem guten Mann außerdem gelernt habe und was die Weinetiketten bestätigen: Auch die Geschichte hinter einer Blume kann spannend sein und die Fantasie anregen. Ist es nicht schön zu wissen, dass eine bestimmte Blumenzwiebel aus einer Gärtnerei am nördlichsten und windigsten Zipfel Nordhollands stammt? Die Bäume dort, vom unaufhörlichen kräftigen Westwind gepeitscht, beugen sich betend nach Osten. Dort saugen Windräder Tag für Tag unsere Energie aus der salzigen Seeluft.
Oder dass diese schönen Blumenzwiebeln von einem riesigen Züchter stammen, gebaut wie ein Urmensch (oder waren die Urmenschen vielleicht kleiner als wir heute?), und dass dieser fleißige Hüne den völlig unpassenden Spitznamen „Poffertje“ trägt, also Pfannküchlein. Warum Poffertje? Ganz einfach: Sein Vater trug den Spitznamen „Pannekoek“, also Pfannkuchen, und er war eben der kleine Pannekoek. Nur für die Korrekturleser: Der Züchter wurde Pannekoek genannt, nicht Pannenkoek. Also bitte kein zusätzliches n. Und wenn es dann um ein winziges, liebes Blumenzwiebelchen ginge, bekäme man doch gleich Lust, dieses Zwiebelchen im Garten zu sehen.

Tja, wenn man auf Reisen ist, erlebt man schon mal etwas. Diesen Newsletter schreibe ich am Flughafen von Santiago. Als ich am Gate ankam, ahnte ich schon nichts Gutes. Rund um die Flugmaschine herrschte reges Treiben. Die Nase stand offen und überall hingen Kabel und lagen Dinge, die man sonst nie zu sehen bekommt. Und tatsächlich, Flug gestrichen.
Zum Glück habe ich mir angewöhnt, mich nie zu ärgern, und schon gar nicht über Dinge, auf die man ohnehin keinen Einfluss hat. Ja, das musste ich eine Weile üben, aber irgendwann hat mich mein „bollenvriend“ Eric, also mein Freund aus der Blumenzwiebelwelt (diesmal tatsächlich mit n), davon überzeugt, mich nie mehr zu ärgern. „Wer sich nicht ärgert, sondern wundert, wird nicht achtzig, sondern hundert“, ist sein fester Spruch. Stimmt doch. Und wenn Warten dann auch noch zu Ihren Hobbys gehört... was soll Ihnen dann noch passieren?
Gewundert habe ich mich allerdings darüber, wie die Crew von Air France, die diesen KLM-Flug betreute, ratzfatz den ganzen Flieger auf allerhand andere Flüge umgebucht hatte. Noch am selben Tag schickten sie mich nach Paris, von wo aus es weiter nach Mokum, also Amsterdam, gehen sollte. „Aeroplane KLM... catastrophe“, scherzte ich noch zu dem freundlichen Mann, der meine neue Bordkarte ausdruckte. Großes Lächeln. Die Franzosen finden Air France natürlich viel besser. Mal sehen. Zuerst durfte ich noch gemütliche dreizehn Stündchen warten.

Ich glaube, wir sind abgeschweift. Wir sprachen doch vom Wein. Da gab es auch noch so einen Spruch, irgendetwas wie: „Wein ist die Antwort auf alle Fragen... aber wie war noch gleich die Frage?“ Nein, jetzt Schluss damit. Zurück zu den Texten. Oder doch erst noch kurz zum Wein. Wenn man über Wein schreibt, schaut man automatisch auch kurz nach, was das World Wide Web dazu zu sagen hat. Schnell fiel mir auf, dass es eine Verbindung zu den Blumenzwiebeln gibt. Viel Wein wird aus blauen Trauben gemacht. Und wovon bauen wir Blumenzwiebelzüchter jede Menge an? Genau, Traubenhyazinthen, unsere eigenen blauen Trauben sozusagen. Sehr viele sogar, und sie sind für kleines Geld zu haben.

50 schöne, dicke Zwiebeln der gewöhnlichen blauen „Traube“ Muscari armeniacum für nur 7,50 €. Oder wir lassen es einmal richtig krachen und nehmen eine teurere: Muscari Mountain Lady, von der wir 50 Stück für 9 € anbieten. Das sind gerade einmal 18 Cent pro blauer „Traube“. Für 9 € kann man doch eine nette Flasche Wein kaufen, die man zu zweit ganz gemütlich leer bekommt.
Was mich aber wundert, besonders nachdem ich all diese aufgeblasenen Weintexte gelesen habe: Die französischen Winzer mit ihrem ganzen „Air in France“ brauchen 750 bis 800 echte Trauben, um eine Flasche Wein zu machen. 800 Trauben für 9 €, obwohl auch noch eine Flasche darum herum gebaut werden muss. Da kommen sie nicht einmal auf 1 Cent pro Traube. Das ist ein kleiner Trost. Wir verkaufen unsere „Trauben“ besser als die Winzer. Aber man muss ehrlich bleiben: Sie haben immer noch die besseren Texte.
So, das reicht jetzt. Die Übersetzerinnen müssen schließlich auch noch ran. Fast hätte ich die kommerzielle Note vergessen. Zum Glück ist gerade noch eine schöne hereingeweht: Amaryllis Burgundy Haze.

Amaryllis Burgundy Haze
Ich hatte den Züchter im Frühjahr gefragt: „Wenn Sie im Herbst noch ein paar Zwiebeln für mich übrig haben, würde ich sie gern den vielen Amarylliskunden des Fluwel-Webshops anbieten.“ Plötzlich kam diese Woche der Anruf: „Ich habe ein paar für dich. Sie sind allerdings ordentlich dick.“ Freu, freu, freu. Das Foto schafft es nicht ganz, in Worte zu fassen, was diese besondere Amaryllis zeigen will. Wenn Sie die Blüte in natura sehen, wissen Sie sofort, dass Sie es hier mit einer Gran Reserva zu tun haben, einer ganz besonderen Cuvée. Es ist, als würden ihre üppigen Blüten von einem sanft schmeichelnden burgundischen Nebel eines charaktervollen Rotweins umarmt, der, richtig chambriert, am besten zur Geltung kommt. Ein herrliches Bouquet burgundischer Amaryllis für den Neujahrsumtrunk. Neu im Fluwel-Webshop.
Mit freundlichen Grüßen und bis nächste Woche.
Carlos van der Veek
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